Für Ausdruck sammeln
Diese Seite drucken

Erfahrungen aus erster Hand

Eine Mutter berichtet über ihre Erfahrungen mit dem Kurzzeitwohnen

Es geschah als unsere Tochter 10 Jahre alt war. Das Schicksal entschied sich für uns. Was wir nicht wussten ,dieser Einschnitt sollte prägend für unseres weiteres Leben werden. Ihre Klassenlehrerin drängte uns zu einem Besuch einer Kurzzeiteinrichtung.
Mir stellten sich bei dem Gedanken daran Anna in fremde Hände zu geben die Nackenhaare hoch und mein Herz war wie zugeschnürt.
Unser Kind verstehen konnte doch keiner so gut wie ich ! Wie sollten denn fremde Menschen Anna betreuen, die weder sprechen noch sich selbst versorgen kann? Fast schon ablehnend machten mein Mann und ich uns mit unserer Tochter auf den Weg.
Was uns in der Einrichtung empfing war Geborgenheit und Fürsorge pur. Anna fühlte sich von Anfang an wohl. Beim Rundgang durch die Einrichtung bekamen wir ein Gefühl für die Arbeit der Mitarbeiter und sahen Kinder mit sehr unterschiedlichen Krankheitsbildern, die dort Urlaub machten. Was mich erstaunte: es weinte keines von ihnen.
Nach einem ausführlichen Gespräch mit der Leitung entschlossen wir uns, es einmal für 4 Tage zu versuchen. Als der Tag dann kam hätte ich am liebsten wieder abgesagt. Doch der Termin war ja abgemacht.
Wir wurden herzlich empfangen und gleich in Annas Zimmer geführt. An der Tür war ihr Name angebracht- auf einem bunten Schild selbstgebastelt. Da kamen die Tränen zum ersten Mal. Unterlagen wurden durchgesehen, alles konnte ich über die Eigenheiten meiner Tochter erzählen. Man nahm sich viel Zeit. Mehrfach wiederholte ich, dass wir nicht wegfahren würden und jederzeit erreichbar wären- mit leichtem Schmunzeln wurde dies zur Kenntnis genommen. Sollte ich nicht die erste gewesen sein, die diese Worte ausgesprochen hatte?
Dann kam der Abschied. Wir wurden zur Tür gebracht. Die Tür war zu. Wir draußen und ich am heulen.
Niemals werde ich diesen Moment vergessen. Ich fühlte mich so schuldig und allein. 4 Tage ohne mein Kind!
Zuhause angekommen musste ich sofort telefonieren. Ich sprach mit Sr. B., die auch das Aufnahmegespräch geführt hatte. Sie konnte mich beruhigen. Sie sagte:" Alles gut. Sie lacht und hat schon etwas gegessen!"
Erleichtert war ich trotzdem nicht. Die Nacht konnte ich nicht schlafen. 4 Tage können so lange sein! Täglich habe ich mich erkundigt wie es meinem Kind geht. Ihr offensichtlich gut- mir schlecht. Entzug.
Dann waren die 4 Tage endlich um. Wir konnten unser Kind endlich wieder in die Arme nehmen. Wir wurden allerdings von Anna keines Blickes gewürdigt. Regelrecht beleidigt sah sie uns an.
Dies war der erste Aufenthalt. Es folgten über die nächsten Jahre viele weitere. Erst im Verlaufe der Zeit wurde mir bewusst, dass diese Urlaube ohne Eltern, für Annas Weg so wichtig waren. Sie wurde groß. Sie nabelte sich von uns Stück für Stück ab. Nach jedem Besuch ein kleines bisschen mehr.
Dieser Prozess ist nicht leicht anzunehmen, aber im Rückblick das Beste was uns passieren konnte.



Anmerkung: der Name des Kindes wurde im Text verändert